Eulenpost

Schülerzeitung der Waldschule Hagen-Beverstedt

Frei

von Klara Granzow

Nur das leise Summen des kaputten Radios ist zu hören, wenn er sich bemühte, sogar die Uhr, die nebenan hing. Er ist mal wieder in seinem Zimmer eingesperrt, es ist dunkel und einsam, zu allem Überfluss ist heute sogar die Heizung ausgefallen und es sind Minusgrade draußen. Nun ist alles, was er tun kann, in die Nacht hinaus starren. Alles was er gesagt hatte, war dass ihm das Essen nicht schmeckte. Sie hatte schon wieder zu stark gewürzt, obwohl er es nicht mochte, oder tat sie es, gerade weil er es nicht mochte? Traurig und verwirrt seufzte der Junge und blickte auf den Schnee auf der Straße. Wie es wohl draußen war? Schon immer hatte sie ihn hier in dieser Wohnung eingesperrt. Mal nur im Zimmer, mal durfte er auch die Küche und das Wohnzimmer betreten. Er kannte keine anderen Menschen, außer diese schreckliche Frau und doch brauchte er sie. Ohne sie, wäre er heute womöglich schon tot. Sie hatte ihn auf der Straße gefunden, in einem Karton liegend, blutend und schwach. Damals hielt er sie für einen Engel, wurde jedoch eines besseren belehrt. Es fing an zu schneien und er setzte sich mit einem Lächeln auf. Die Schneeflocken schienen regelrecht zu tanzen, wie sie so langsam auf die Erde hinabfielen. Sie waren frei, hatten viele um sich herum und hatten vermutlich keine Sorgen. Sie mussten sich keine Gedanken machen, was sie sagen durften, was sie hören durften, wie sie sich zu bewegen und zu verhalten hatten. Nicht so wie er. Seufzend legte er die Stirn an das kühle Glas. Es musste einen Weg hier raus geben, darüber hatte er schon oft nachgedacht, sich aber nie getraut, einen Weg zu suchen. Unten auf der abfallenden Straße rodelte ein Kind auf seinem Schlitten entlang. Er verspürte die Lust, auch mit diesem Schlitten zu fahren, den Jungen als Freund zu gewinnen und..ja und was dann? Doch dazu würde es nicht kommen, heute nicht, morgen nicht, kurz gesagt-nie. Sie würde ihn für ewig hier festhalten, ihm ihr schreckliches Essen aufzwingen, ihn die Hausarbeit machen und sich ihre langweiligen Sorgen anhören lassen. Passte er nicht auf, so wurde er bestraft. Entweder in sein Zimmer gesperrt oder er bekam Prügel. Doch besser, als in einem Pappkarton zu sterben. Nachdem er lange Zeit so da gesessen hatte, fielen ihm die Augen zu und er schlief einfach am Fenster ein.
In seinen Träumen war er schon immer frei, jedes mal auf andere Weise. Mal war er ein Bauernjunge und musste auf dem Feld helfen, hatte im Dorf aber auch Freunde. Er war aber auch schon ein adliger Sohn gewesen, hatte viele Diener und sogar eine Verlobte an seiner Seite, die gerne Schach spielte. Diese verschiedenen Szenarien machten, dass er sich lebendig fühlte, frei und unbesiegbar, weshalb er sich auf jeden Abend freute. Wenn er ins Bett gehen konnte und beginnen konnte zu träumen.
Als er die Augen wieder öffnete, lag er auf einer steinigen Klippe. Es war nicht kalt hier, jedoch windig. Wind spürte er auch nur, wenn er am schlafen war, denn das Fenster öffnen, war ihm nicht erlaubt und es zu zerschlagen, traute er sich nicht. Genüsslich stand er auf und stellte sich breitbeinig in die Brise, streckte die Arme aus und atmete tief durch. Hinter der Klippe konnte er in ein Tal hineinsehen, welches von Bergen umrundet war. Sie waren verschieden hoch, einige Gipfel waren weiß von Schnee, andere kahl und grau. Still und überwältigt sah er sich alles genau an, ließ die Landschaft auf sich wirken und blickte dann an sich herunter, um zu wissen, welche Rolle er in seinem Traum spielte. Zu seiner großen Enttäuschung trug er bloß seine normalen, abgetragenen Klamotten. Ein dreckig verwaschener Pullover in grau und eine blaue Jeans, die voller Löcher war. Schuhe trug er keine, seine Füße waren übersät mit Schwielen und Hornhaut. Stumm ballte er seine Hände zu Fäusten, begann aber dennoch, seinen Weg ins Tal zu gehen. Er lief dabei durch einen Wald, der voller Geräusche war und nicht nur das Summen eines kaputten Radios. Es waren Vögel, Blätter im Wind, und sogar ein kleiner, kristallklarer Bach. Diesem folgte er, bis hinunter in das Tal. Dort ergoss der Bach sich in einen ebenso reinen See. Erstaunt blieb er am Waldrand stehen. Er schien hier ganz einsam zu sein, wie in dem Zimmer, aber es war ein gutes Einsam, ein Einsam, was ihm nicht aufgezwungen worden war. Plötzlich hörte er hinter sich ein Lachen. Es war zu nah, als dass er noch hätte wegrennen und sich verstecken können. Erschrocken drehte er sich um, dort stand bloß niemand. Es dauerte lange, bis er endlich realisierte, dass er selbst es war, der lachte. Er hatte noch nie gelacht, es fühlte sich gut an. In anderen Träumen hatte er sich lediglich getraut zu lächeln, mehr nicht. Lauthals lachend ließ er sich nun in das weiche Gras fallen und blickte in den Himmel. Nur wenige Wolken hingen oben an dem unendlichem Blau, in welches er sich sofort verlor. Stundenlang blieb er so liegen, nur in den Himmel blickend, bis er etwas entdeckte. Es war groß und hatte Flügel, war aber bestimmt kein Vogel. Als es immer näher kam, erkannte er Details. Schuppen, die im Licht dunkel schimmerten, Im geöffneten Maul des Wesens erkannte er Reißzähne, die zum Fürchten waren und die Schwingen schienen aus Leder zu sein. Auf ihn kam ein echter Drache zu! Ohne zu zögern sprang er auf und begann zu rennen, ohne auf den Weg zu achten. Er rannte und rannte, das Gras unter seinen Füßen wechselte sich mit Erde, dann mit kaltem Gestein ab. Schließlich musste er Halt machen, da sich vor ihm ein Spalt auftat, der scheinbar ins Nichts führte. In die Enge getrieben, drehte er sich um, sah in den Himmel und erblickte sofort den Drachen, den er nicht hatte abschütteln können. Immer weiter kam dieser auf ihn zu, ohne zu langsamer zu werden. Ihm blieb nichts weiter übrig, als die Augen zu schließen und zu Hoffen, dass der Drache ihn nicht packte und mit sich trug. Er machte einen Schritt zurück und fiel in den Spalt hinein, den er vor Angst völlig vergessen hatte und dann fiel er tief, immer tiefer, bis er aufschlug.
Als er die Augen aufmachte, lag er am Boden in dem Zimmer, das Licht der Morgensonne schien durch das Fenster herein. Es war noch immer kalt, aber nun hörte er neben dem Summen, ein weiteres Geräusch. Er konnte doch tatsächlich den Wind hören! Hastig setzte er sich auf, japste dann aber leise, als er sah, dass das Fenster durchschlagen war. Durchschlagen von einem großen Stein, der direkt neben ihm lag. Die Frau, die ihn hier einsperrte, hatte es wohl nicht gehört, denn sie war noch nicht hier. Nun war seine Chance gekommen. Bevor er jedoch aus dem Zimmer kletterte, blickte er den Stein an. Er schimmerte dunkel im Licht und war komisch geformt, fast wie ein kleiner Drache. Stumm nahm er den Stein an sich, sah noch einmal in das Zimmer zurück und verließ es dann durch das Fenster.
Er würde sie nie wiedersehen, weil er immer weiter laufen würde, auf der Suche nach dem Tal, welches er in seinem Traum gesehen hatte.
Denn er war frei.

Eulenpost-Redaktion

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