Eulenpost

Schülerzeitung der Waldschule Hagen-Beverstedt

Schluss mit der Entpolitisierung der Klimakatastrophe

Schluss mit der Entpolitisierung der Klimakatastrophe

von Sebastian Vogel (12)

„Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.“ Dies twitterte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner am 10. März 2019 in Bezug auf die Fridays For Future-Bewegung, die nur wenige Tage später beim ersten globalen Klimastreik am 15. März 300 000 Schüler*innen auf die Straße brachte. Politisches Engagement sei zwar toll, aber dann doch irgendwie nur was für Profis. Was wollte uns Lindner mit diesen von technokratischem Politikverständnis geprägten Sätzen sagen?

Muss man nun durch Wissenstests beweisen, dass man fähig ist, sich am politischen Diskurs zu beteiligen? Dies wäre zutiefst undemokratisch, und wohl auch eher nicht das, was Lindner meint.

Christian Lindner ist nämlich durchaus einverstanden mit klimapolitischem Engagement von Bürger*innen, aber eben nur bis zu dem Punkt des Aufstellens von Klimazielen. Wie diese erreicht werden, sollen dann Wissenschaftler*innen entscheiden. Mit dieser, angesichts der Tatsache, dass Deutschland kurz davor ist seine Klimaziele für 2020 deutlich zu verfehlen, absurden Aussage verkennt Lindner gleich mehrere Dinge: Zum einen hält sich Fridays For Future selber sehr zurück mit konkreten Vorschlägen und fordert vielmehr von der Politik die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und des 1,5⁰C-Ziels. Zum anderen bringt es nichts, wenn Forscher*innen, Entwickler*innen und Ingenieur*innen nachhaltige Konzepte zur Energieversorgung, zur Mobilität oder für die Landwirtschaft entwickeln, es für diese dann aber keine politische Unterstützung gibt. Wie sollen sich Wind- und Solarenergie durchsetzen, wenn die Kohleindustrie noch bis zum Kohleausstieg 2038 weiter subventioniert wird? Wie sollen die Menschen dazu gebracht werden, mit der Bahn zu reisen statt mit dem Flugzeug, wenn erstere Spar- und Profitzwängen ausgesetzt wird und zweiteres durch die Nichtbesteuerung des Treibstoffes Kerosin faktisch subventioniert wird? Wie soll die eine ökologische Landwirtschaft gefördert werden, wenn die riesigen Agrarsubventionen der EU in erster Linie nach der Größe der Betriebe verteilt werden?

Es ist ganz eindeutig: Wir sollten uns nicht nur für Klimaschutz engagieren, wir müssen es angesichts der möglicherweise dramatischen Auswirkungen der Klimakatastrophe sogar. Um dies zu verstehen, benötigt man, anders als auf vielen anderen Politikfeldern, noch nicht einmal Solidarität oder Empathie mit seinen Mitmenschen. Es reicht für unsere Generation der nach 2000 Geborenen eigentlich schon sich zu überlegen, was wohl am Ende dieses Jahrhunderts sein wird. Angesichts der noch immer steigenden medizinischen Möglichkeiten werden viele, wenn nicht alle, von uns dieses noch erleben. Angesichts der noch immer steigenden Treibhausgasemissionen werden wir dabei aber ein vollkommen anderes Klima und einen zu großen Teilen nicht mehr bewohnbaren Planeten erleben.

Was müssen wir, was muss ich also tun? Man kann natürlich versuchen, durch sein eigenes Handeln, durch seine eigen Kauf- und Konsumentscheidungen seinen ganz persönlichen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Vielleicht ist dies sogar die moralische Verpflichtung, der kategorische Imperativ des 21. Jahrhunderts. Auch ich habe deshalb einige meiner Verhaltensweisen verändert und esse z.B. seit fast einem kein Fleisch und kaum sonstige tierische Produkte mehr. Ich versuche meine Eltern zu überzeugen, auf einen Ökostromanbieter umzusteigen. Flugreisen in den Urlaub standen bei uns glücklicherweise nie zur Debatte, wenn möglich fahren wir mit der Bahn und in Ausnahmefällen mit dem Auto.

Wir sollten aber nicht glauben, damit das Problem lösen zu können. Sicherlich ist oft auch das Private politisch und wer die Ökologie zur obersten politischen Priorität machen möchte, sollte sich auch selbst dementsprechend verhalten. Gleichzeitung müssen wir aber aufpassen, dass wir das politische Problem der Klimakatastrophe nicht entpolitisieren und dessen Lösung auf den Einzelnen abwälzen, der aufgrund ökonomischer und sozialer Zwänge sich gar nicht vollständig klimaneutral verhalten kann.

Das Problem, wenn man so will die Schuldigen, sind deshalb auch nicht diejenigen, die täglich mit dem Auto zur Arbeit pendeln, die nicht auf ihr Schnitzel verzichten wollen oder die für ein paar Tage Kurzurlaub in den Flieger steigen. Auch sie werden ihr Verhalten ändern müssen, aber nicht indem sie auf diese Dinge verzichten, sondern indem man ihnen eine bessere Bus- und Bahnanbindung auf dem Land anbietet, indem man an klimaneutralen Fleischalternativen wie Laborfleisch forscht und indem man den internationalen, europaweiten Bahnverkehr fördert.

Das Problem bzw. die Schuldigen sind diejenigen, die mit ihrem klimaschädlichen Verhalten kurzfristig Profite machen, die langfristigen Schäden aber von der Gemeinschaft bezahlen lassen. Das Problem sind diejenigen, die wie der der US-amerikanische Mineralölkonzern Exxon bereits seit Jahrzehnten von den drastischen Auswirkungen ihres Geschäftsmodells wissen, diese aber verleugnen, um weiter Geld zu verdienen. Nicht zuletzt sind auch diejenigen das Problem, die eigentlich dafür verantwortlich sind, diese großen Konzerne so zu regulieren, dass sie der Allgemeinheit nicht in einer solch dramatischen Weise schaden: die Politiker.

Meine Antwort auf die Frage, was der Einzelne tun sollte, lautet daher nicht: Werde Veganer, höre auf zu fliegen und fahre mehr Rad! Mein Vorschlag lautet eher: Beschäftige dich mit Politik, fordere von deinen Abgeordneten eine Klimaschutzpolitik, die ihren Namen verdient hat, und wähle die entsprechenden Politiker und Parteien. Wenn man in dieser Weise auf die politische Dimension des Problems verweist, wird einem nicht selten vorgeworfen, faul zu sein. Wer dies tut, verkennt zum einen, dass sich politisches Engagement und individuelle Verhaltensänderungen nicht ausschließen und zum anderen, dass politisches Engagement nicht mit dem Wahlakt aufhört. Wer wirklich etwas verändern will, sollte sich selber politisch engagieren, sei es in einer Partei, einer NGO oder auch einer losen Bewegung wie Fridays For Future. Das aber ist bestimmt nicht einfacher und bequemer als auf Fleisch zu verzichten.

Am Freitag, 20.09. findet der nächste globale Klimastreik der Fridays For Future-Bewegung statt, unter anderem in Bremen, Bremerhaven und Osterholz-Scharmbeck.

Eulenpost-Redaktion

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