Eulenpost

Schülerzeitung der Waldschule Hagen-Beverstedt

Transgender: Im falschen Körper gefangen

Transgender: Im falschen Körper gefangen

von Isabella Stechel-Marceddu (11a)

Wie ist es im falschen Körper geboren zu werden? Als Transgender fühlt man sich dem bei der Geburt gegebenen Geschlecht nicht zugehörig. Bei der Transsexualität gibt es die Variante mtf (male to female), also eine Frau im Körper eines Mannes, und ftm (female to male), ein Mann im Körper einer Frau. Die Zahl der Transsexuellen wird allein in Deutschland auf rund 20.000 bis 80.000 Menschen geschätzt. Genauer kann man dies nicht sagen, da viele sich nicht trauen der Öffentlichkeit zu zeigen, wer sie sind.

Transgender-Flagge

Transgender begegnen auch in der heutigen Gesellschaft noch viel Diskriminierung und Unverständnis und das, obwohl der psychische Druck eigentlich schon groß genug ist. Das ständige Gefühl nicht reinzupassen und die Anpassungsversuche, sowie das Gefühl, das man gefangen ist,  sorgt bei einigen für Depressionen. 30 bis 40% sind sogar suizigefährdet.

Transgender, Transsexuell und Transvestit – Wo ist der Unterschied?

Im letzten Absatz wurden die Begriffe „Transgender“ und „Transsexuell“ als Synonyme füreinander verwendet. Dennoch unterscheiden sich die Personen, die sich der jeweiligen Orientierung zugehörig fühlen. Ein_e Transgender identifiziert sich mit dem anderen Geschlecht und befindet sich in einer sozialen Umwandlung, lehnt meist aber eine Geschlechtsumwandlung ab. Transsexuelle fühlen sich im falschen Körper geboren und wünschen sich eine Geschlechtsumwandlung. Allerdings sind die Grenzen zwischen den beiden Begriffen fließend. Viele empfinden den Begriff „Transsexuell“ als nicht passend, weil er den Irrtum entstehen lässt, dass Transgender auch etwas mit der sexuellen Orientierung zu tun hat. Ein Transgender kann sowohl eine Frau, als auch einen Mann oder jedes andere Geschlecht lieben. Als Transvestit werden Menschen bezeichnet, die gerne Kleidung des anderen Geschlechts tragen. Sie werden oft mit Transgender oder Transexualität verwechselt.

Der Weg in den richtigen Körper

Viele, jedoch nicht alle, Transsexuelle streben eine Geschlechtsumwandlung an. Der Weg dort hin ist leider gar nicht so einfach. Zuerst ist ein Gutachten eines Psychologen erforderlich. Anschließend folgt eine Hormontherapie, die zum Bespiel für eine tiefere Stimme oder Brüste sorgt, und der operative Eingriff, bei dem die Geschlechtsmerkmale verändert werden. Einige Menschen lassen sich auch noch kosmetisch verändern. Generell werden die Kosten von der Krankenkasse getragen, trotzdem ist auch dies nicht immer gesagt.

LGBT, LGBTQ, LGBTIAQ, LGBTIAQ+ oder LGBTIAQQAP+?

Pride-Flagge

Transgender gehören der LGBTIAQQAP+-Community an. Es gibt viele Varianten der Abkürzung, die für Menschen steht, die sich nicht der ihnen gesellschaftlichen Sexualität vorgegebenen zuordnen wollen. Doch gibt es dabei eine „richtige“ Variante der Abkürzung? Prinzipiell kann man sagen, dass keine der Abkürzungen wirklich falsch ist. Jede längere Version sorgt jedoch dafür, dass sich mehr repräsentiert und respektiert fühlt. Der Einfachheit halber, werden oft die kürzeren Versionen wie LGBTQ+ verwendet. Der Vorteil des + ist hierbei, dass es im Grunde alle anderen Orientierungen aufgreift. Da man bei den vielen Buchstaben schnell den Überblick verliert, folgt eine kurze Erläuterung der Begriffe.

Lesbian: Lesbisch ist eine Bezeichnung für Frauen, die eine romantische, emotionale oder sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau haben.

Gay: Schwul ist das Pendant zu Lesbisch und ist eine Bezeichnung für Männer, die eine romantische, emotionale oder sexuelle Beziehung zu einem anderen Mann haben.

Bisexual: Bisexuell bezeichnet Menschen, die sowohl Männer als auch Frauen lieben.

Transgender: siehe oben

Intersex: Intersexuelle Menschen können anatomisch, hormonell oder genetisch nicht wirklich einem Geschlecht zugeordnet werden.

Asexual: Eine asexuelle Person hat keine sexuellen Gefühle zu irgendeinem Geschlecht, was aber nicht bedeutet, dass sie keine romantischen oder platonischen haben können.

Queer: Ist eine Person queer, so identifiziert sie sich mit keinem Geschlecht und keiner sexuellen Orientierung, sondern nur mit sich selbst als Individuum. Oft wird dieser Begriff auch übergreifend für die ganze Community benutzt.

Questioning: (fragend) Questioning steht für Menschen, die sich noch nicht sicher sind, was für ein Geschlecht oder was für eine sexuelle Orientierung sie haben.

Allies: Heterosexuelle Menschen, die die LGBTIAQQAP+-Community unterstützen.

Pansexual: Panssexuelle Menschen fühlen sich zu jedem Geschlecht hingezogen, beziehungsweise suchen sich Partner nicht nach Geschlecht.

+: Wie oben schon erwähnt, steht das Plus für alle, die sich in den anderen Begriffen noch nicht repräsentiert fühlt.

 

Auch an unserer Schule gibt es eine Person, die sich so fühlt. Ben* lebt seit der Geburt im Körper eines Mädchens, obwohl er innerlich ein Junge ist. Wir hatten die Möglichkeit ihn zu interviewen.

Wie fühlt es sich an Transgender zu sein?

Man fühlt sich so, als würde der Kopf nicht zum Körper passen. Man fühlt sich gefangen. Es ist wie ein Raum, aus dem es kein Entkommen gibt, nur, dass es noch viel kleiner als ein Raum ist.

Wann und wie hast du herausgefunden, dass du Transgender bist?

Eigentlich schon seit ich denken kann. Als Kleinkind habe ich auch immer gesagt, dass ich ein Junge bin, mir aber noch nicht wirklich viel dabei gedacht. Damit aufgehört habe ich, als ich es zu meiner Großßtante gesagt habe und sie meinte: „Dann mag ich dich nicht mehr.“ In der siebten Klasse habe ich das „Mädchen-Sein“ noch mal ausprobiert, mit Zöpfen und so weiter, auch weil ich von den anderen Mädchen dazu gezwungen wurde, aber das hat sich noch schlimmer angefühlt. In der neunten Klasse habe ich mich dann vor meinen Freunden geoutet.

Welche Erfahrungen hast du beim Outing gemacht?

Bei Freunden nur gute, viele haben auch gesagt, das habe ich mir bei dir schon gedacht. Bei meinen Eltern war es sehr gemischt, erst schien es so, als würden sie es akzeptieren, doch jetzt ist das überhaupt nicht der Fall. Es wissen nur drei Lehrer davon, doch auch ihre Reaktion war sehr positiv und sie haben versucht, mich zu unterstützen, wie es geht, doch ohne das Einverständnis meiner Eltern ist das schwierig.

Wie stehen deine Eltern dazu?

Eher nicht so gut. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn nicht ihr Kind betroffen wäre, vielleicht würden sie es dann mehr verstehen. Sie haben Angst vor diesen ganzen Prozessen und irgendwie kann ich das ja verstehen. Ich finden es aber schade, dass sie nicht verstehen, dass es notwendig ist und kein Trend oder nur eine Phase.

Ist das normal?

Ja, bei dem eigenen Kind auf jeden Fall. Man möchte ja das beste für sein Kind, und wenn man dann hört, wie viele OPs nötig sind und was mit dem Hormonhaushalt passiert, dann hört sich das natürlich erstmal schlimm an. Eigentlich müssten die Eltern auch wissen, dass sich der Charakter des Kindes nicht verändert, außer dass es vielleicht glücklicher wird. Es gibt aber auch viele Eltern, die ihre Kinder unterstützen.

Wie ist die Akzeptanz in der Gesellschaft?

In den jüngeren Generation, gerade in meiner, ist die Akzeptanz schon sehr groß, aber in den älteren gibt es, meiner Meinung nach, noch viel Aufklärungsbedarf.

Glaubst du, dass man es auf dem Dorf schwerer hat als in der Stadt?

Auf jeden Fall. Auf dem Dorf kennt dich ja jeder. Grade für Eltern stelle ich mir das schwer vor, erklären zu müssen, dass sie jetzt eben keine Tochter mehr, sondern einen Sohn haben.

Was stört dich am meisten?

Eigentlich alle weiblichen Mermale an mir. Brust, meine Stimme. Gerade jetzt in der Pubertät ist es besonders schlimm. Der Körper entwickelt sich weiter und man hat das Gefühl, dass alles in die falsche Richtung läuft. Man vergleicht sich natürlich auch mit den anderen Jungs, die eine tiefere Stimme und Muskeln haben, und das hat meinem Selbstbewusstsein ziemlich geschadet.

Eine große Belastung ist ja für dich, wenn Lehrer Gruppen nach Mädchen und Jungen aufteilen oder im Sportunterricht, wo du immer noch in die falschen Kabinen musst, meinst du es wäre einfacher, wenn du dich offiziell outest?

Rechtlich würde das, glaub ich, gar nicht gehen. Es meiner Klasse erzählen, wäre es wahrscheinlich so, dass sie es akzeptieren würden. Aber auch bei den Lehrern hab ich Angst, dass sie mich dann deswegen vielleicht schlechter bewerten würden.

Was rätst du jemandem, der sich ähnlich fühlt oder sich nicht sicher ist?

Mir hat es sehr geholfen, mich im Internet zu informieren. Besonders auf YouTube, weil dort die Emotionen am besten rüber kommen, so wusste ich, dass ich mich genauso fühle. Eine Vertrauensperson suchen und mit der reden, gute Freunde oder vielleicht auch die Eltern, wenn man ein gutes Verhältnis zu ihnen hat. Man kann auch einfach erstmal in psychologische Behandlung gehen, das trägt die Krankenkasse, dafür ist sie ja da.

Wie kann man Betroffenen helfen?

Sie auf jeden Fall nicht aufziehen und ihre Wünschen respektieren, wenn sie zum Beispiel schon ein anderes Pronomen wollen. Man sollte auf sie eingehen und sie unterstützen. Man könnte auch mit ihnen zusammen zum Psychologen gehen, wenn sie sich alleine nicht trauen.

Kannst du irgendwelche Geschichten erzählen, die sich dadurch schon ereignet haben?

Eine hat sich sogar schon hier in der Schule ereignet. Ich war auf der Mädchentoilette und wusch mir grade die Hände und ein Mädchen kam rein, schaute mich an, ging wieder raus, schaute auf das Schild, kam wieder rein und schaute mich ziemlich verwirrt an. Irgendwie freut man sich, weil man ja von anderen als Junge wahrgenommen wird, aber es ist auch schlecht, weil man gezwungenermaßen dort ist.

Weil deine Eltern es nicht akzeptieren und du noch nicht alleine enscheiden kannst, was du willst, zählst du die Tage bis zu deinem 18. Geburtstag. Wie überstehst du die Zeit?

Wie du schon gesagt hast, man kann jetzt nicht wirklich etwas verändern. Auch Lehrer haben das versucht, aber meine Eltern stellen sich quer. Ich versuche mich einfach abzulenken, indem ich mich mit Freunden treffen und in jeder Woche irgendwas habe, worauf ich mich freue und worauf ich hinarbeite.

Hasst du deinen Körper?

Ja, schon. Also das, was weiblich ist, auf jeden Fall. Ich habe eigentlich ziemliches Glück, weil ich einen großen Muskelanteil und damit eine untypische Figur für Frauen habe. Aber ich möchte auf jeden Fall nicht mit meinem Körper alt werden, so wie er jetzt ist. Früher habe ich auch gesagt, dass ich nicht älter als 30 werde. Es gibt Phasen, wo ich mich anschaue und mir denke: „Warum bin ich überhaupt noch hier?“, da könnte man schon sagen, dass ich suizidgefährdet bin. Aber gleichzeitig bin ich dann auch sehr antriebslos oder depressiv, sodass ich nicht die Motivation habe, mich umzubringen. Ich habe zum Glück die Möglichkeit, unter Menschen zu kommen und mit Leuten darüber zu reden, so überstehe ich das schon. Aber ich denke, jeder Transgender hat damit zu kämpfen und viele bringen sich auch um.

Worauf freust du dich nach der OP am meisten?

Dass ich Schwimmen ohne Bikini kann, dass man sich nicht verstecken muss und natürlich auch anderes.

Hast du Angst, dass du die OP bereuen könntest?

Klar, hat man ab und zu seine Zweifel, aber so wie ich mich jetzt fühle und wie sehr ich das jetzt will, glaube ich nicht, dass ich es bereuen werde.

Möchtest du noch etwas sagen?

Geht auf die Menschen ein und macht sie nicht runter, sie haben schon genug mit sich selbst zu kämpfen. Das soll sich nicht egoistisch anhören, als wären wir der Mittelpunkt und man soll nur das machen was wir wollen, aber so soll es nicht sein.

*Name von der Redaktion geändert

Quellen: Wikipedia.com, Pixabay.de, iol.co.za, wissen-gesundheit.de

Bei den Bildern handelt es sich um Symbolbilder.

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